Sucht

(Im Folgenden geht es um substanzgebundene Süchte. Ein Beitrag über nicht-stoffgebundene Süchte folgt demnächst.)

 

…anhand des Beispiels Cannabis und weshalb ich gegen dessen Legalisierung bin.

 

Ich selbst bin suchtkrank.
Ich bin (trockene) Alkoholikerin, habe verschiedene Drogen konsumiert und – wie ich mir erst kürzlich eingestanden habe – habe ich ein zumindest stark missbräuchliches Verhalten, wenn es um Medikamente geht. Hierbei tanze ich sehr auf dem schmalen Grat zwischen Sucht und Missbrauch.

 

Ich weiß, das Thema Cannabis und die Legalisierung desselbigen ist seit langer Zeit umstritten. Die Regierung plant eine Legalisierung im nächsten Jahr, wenn das Gras einen THC-Gehalt von 0,2% nicht übersteigt.
In meinen Augen ist allein das schon widersinnig, denn der durchschnittliche THC-Gehalt (also das, was high macht), liegt im illegal erworbenen Gras bei etwa 20%. Der Wert variiert je nach Sorte und Dealer.

Viele Menschen sehen Cannabis nicht als Droge an – die Krankenkassen im Übrigen auch nicht. Wird bei Alkoholismus und jeglichem anderen Drogenkonsum eine qualifizierte Entgiftung angestrebt, so dauert diese 21 Tage. Konsumiert man hingegen „nur“ Gras, werden lediglich 10 Tage bewilligt.
Wieso sehe ich das anders? Wieso halte ich die Verharmlosung von Gras und das negieren des Suchtpotenzials trotzdem für einen Fehler im Denken, wenn selbst Regierung und Krankenkassen Gras nicht als Problem ansehen?
Dazu komme ich am Ende dieses Beitrags. Zunächst – zur besseren Einordnung – wieder die ICD-10-Kriterien:


1    Ein starker Wunsch oder eine Art Zwang, psychotrope Substanzen zu konsumieren.


2    Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Konsums.


3    Ein körperliches Entzugssyndrom bei Beendigung oder Reduktion des Konsums, nachgewiesen durch die substanzspezifischen Entzugssymptome oder durch die Aufnahme der gleichen oder einer nahe verwandten Substanz, um Entzugssymptome zu mildern oder zu vermeiden.


4    Nachweis einer Toleranz. Um die ursprünglich durch niedrigere Dosen erreichten Wirkungen der psychotropen Substanz hervorzurufen, sind zunehmend höhere Dosen erforderlich (eindeutige Beispiele hierfür sind die Tagesdosen von Alkohol- und Opiatabhängigen, die bei Konsumenten/innen ohne Toleranzentwicklung zu einer schweren Beeinträchtigung oder sogar zum Tode führen würden).


5    Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen oder Interes­sen zugunsten des Substanzkonsums, erhöhter Zeitaufwand, um die Substanz zu beschaffen, zu konsumieren oder sich von den Folgen zu erholen.


6    Anhaltender Substanzkonsum trotz Nachweises eindeutiger schädlicher Folgen, wie z.B. Leberschädigung durch exzessives Trinken, depressive Verstimmungen infolge starken Substanzkonsums drogenbedingte Verschlechterung kognitiver Funktionen. Es sollte dabei festgestellt werden, dass der/die Konsument/in sich tatsächlich über Art und Ausmaß der schädlichen Folgen im Klaren war oder dass zumindest davon auszugehen ist.

 

Um eine Abhängigkeit zu diagnostizieren, müssen innerhalb eines Jahres mindestens drei dieser sechs Kriterien erfüllt worden sein.
All das lässt sich problemlos auch auf Cannabis übertragen. Entgegen der weitläufigen Meinung über etwaige (nicht vorhandene) Entzugserscheinungen, kann ich nur sagen, dass das nicht stimmt. Schwitzen und Schlaflosigkeit beispielsweise treten häufig auf.
Insofern ist zumindest das Argument, Gras würde nicht süchtig machen, schlichtweg falsch.

 

Viele Menschen werden im Laufe ihres Lebens auf die ein oder andere Art mit dem Thema Abhängigkeit und Sucht konfrontiert.
Meist ist es so, dass der Betroffene selbst erst ganz zum Schluss bemerkt, dass er krank ist. Ich besuche regelmäßig eine Selbsthilfegruppe und die Geschichten ähneln sich erschreckend: erst nach Verlust diverser wichtiger oder existenzieller Grundlagen (Führerschein, Job, Partner, Kinder, Haus, soziales Ansehen etc.) oder nach einem schlimmen Erlebnis (Unfall, Übergriff o.ä.) gestehen sich die Betroffenen ein, dass sie Hilfe brauchen und dem Suchtmittel nicht mehr gewachsen sind.
Ich selbst habe einiges davon erlebt und musste erst ganz, ganz unten ankommen, bevor ich bereit war, etwas zu ändern.  
Unsere Gruppenleiterin sagt den „Neuankömmlingen“ oft, dass es erst diesen persönlichen Abgrund braucht, um überhaupt in der Lage dazu zu sein, sich selbst neu zu bewerten und Hilfe anzunehmen.
Ich sehe das tatsächlich ähnlich.

Als praktisches Beispiel kann ich jemanden aus meinem entfernten Umfeld nehmen: der Mann ist Mitte 20 und aktiv Drogensüchtig. Er hat bereits mehrere Jobs verloren, lebt im allgemeinen dennoch seine Sucht in vollen Zügen aus.
Sein Hintergrund: er lebt bei seinen Eltern und muss sich nicht darum bemühen, sein äußeres Konstrukt zusammenzuhalten. Er bekommt Essen, muss keine Miete zahlen, Wäsche wird gewaschen. Er kann sich also vollkommen seiner Sucht hingeben, ohne darunter zu leiden.

Mit 19 ging es mir auch so. Ich war regelmäßig unterwegs, habe gefeiert und konsumiert. Ich musste nicht arbeiten, hatte einen warmen Schlafplatz und Essen bei meinen Eltern. Wozu hätte ich aufhören sollen?
Ich bemühte mich erst um Veränderung, als alles um mich herum zusammenbrach und ich völlig allein war.

 

Nun, zurück zum Thema Cannabis.
Zum einem ist es persönliche Erfahrung, zum anderem habe ich genügend Menschen kennengelernt, die aufgrund ihres Konsums in große Probleme geraten sind. Ich halte (auch wenn man das glaube ich so gar nicht mehr sagen soll) Gras weiterhin auch für eine Art Einstiegsdroge, gerade weil sie so verharmlost und teilweise ins Lächerliche gezogen wird. Die Hemmschwelle sinkt nach dem ersten Konsum, und das gilt dann auch für andere Substanzen.

Doch selbst wenn ich all das außer Acht lassen würde. Selbst wenn irgendein Wissenschaftler kommen und sagen würde, dass eine körperliche Abhängigkeit von THC nicht existiert, bleibe ich der Überzeugung, dass es eine Cannabis-Sucht gibt.

Wieso?
Weil es unendlich viele nicht-stoffgebundene Süchte gibt.
Für mich stellt sich die Frage nach einer körperlichen Sucht demnach also gar nicht. Für mich ist lediglich das allgemeine Suchtpotenzial wichtig, und das ist definitiv da.

 

Auch ich habe einige dieser „ominösen“ nicht-stoffgebundenen Süchte, die ich jetzt mehrfach erwähnt habe.
Was es damit auf sich hat und was den Unterschied ausmacht, werde ich in einem anderen Beitrag näher beschreiben.