Borderline
Für die meisten Menschen ist die Diagnose „Borderline“ heutzutage durchaus ein Begriff. Das sind dann „die komischen, die sich nicht unter Kontrolle haben und sich ritzen.“
Platt gesagt ist das in einigen Fällen noch nicht einmal so
falsch. An dieser Stelle finde ich aber wichtig, deutlich zu erwähnen, dass
nicht alle Borderliner sich selbst verletzen. Und nicht alle Menschen, die sich
selbst schädigen, sind automatisch Borderliner.
Laut mehrerer Studien leiden etwa 3% der deutschen Bevölkerung am
Borderline-Syndrom. Dieser Wert gilt mittlerweile als gesichert, auch wenn
frühere Studien zwischen zwei und 15% schwankten.
Im ICD-10-Schlüssel müssen mindestens fünf von neun Kriterien erfüllt sein, um
die Diagnose stellen zu können (auf diese gehe ich weiter unten im Beitrag noch
ein).
Zu meinen „besten Zeiten“ erfüllte ich alle neun in Perfektion.
So weit erstmal zu den (mehr oder weniger) wissenschaftlichen
Fakten.
Ich habe meine Diagnose damals sehr früh erhalten, genau gesagt mit 16 Jahren.
Offiziell darf Borderline erst mit frühestens 18 offiziell gestellt werden, da
sich das Gehirn noch sehr verändert und auch die Pubertät oft eine große Rolle
spielt. Bei mir war’s aber tatsächlich sehr eindeutig, und ich persönlich
wusste schon mit 13, was mit mir los ist.
Mit 18 wurde die Diagnose erneut bestätigt, mit 21 machte ich eine „DBT“. Das ist
die Kurzform von „Dialektisch behaviorale Therapie“, die am häufigsten
angewandte Therapieform bei Borderline, stark beeinflusst durch Marsha M. Lineham.
Zu Hause habe ich einen sehr dicken Ordner voller Unterlagen aus diesen drei
Monaten, die sich von der Intensität her von vielen anderen Therapien
unterscheidet, die ich bisher gemacht habe.
Und trotzdem fällt es mir schwer, Borderline einem
Außenstehendem zu erklären. Es ist ein „zu viel“ von Gefühlen, Emotionen,
Sorgen, Ängsten, Glück. Ein zu viel von allem. Und gleichzeitig ein „zu wenig“.
Zu wenig Regulationsmöglichkeiten, zu wenig Verständnis für „die Außenwelt“.
Ich selbst habe mich über Jahre fehl am Platz gefühlt, fremd in einer Welt, in
die ich eigentlich gar nicht gehöre. Niemand hat mich verstanden, und ich habe
niemanden verstehen können.
Auch mich selbst konnte ich nicht verstehen. Viele Dinge haben in mir eine
Katastrophe ausgelöst, von denen ich hinterher kaum mehr wusste, worum es
überhaupt ging.
Ich habe mir über Jahre hinweg massiv selbst Schaden zugefügt, beginnend ganz „klassisch“
beim Schneiden in die Haut, über ungesunde Kontakte zu Männern, als ich älter
wurde, bis hin zu Alkohol-, Medikamenten- und Drogenmissbrauch. Und so ziemlich
alles, was dazwischen liegt.
Um die Erkrankung zu erklären, ist es einfacher, die
Diagnose-Kriterien (ICD-10) zu Hilfe zu nehmen.
Im Folgendem spreche ich von mir und meinen Erfahrungen, weil jeder Erkrankte
die verschiedenen Dinge anders erlebt und ich aus Angst vor Fehlern nur ungerne
pauschalisiere. Vieles wird sich aber auf andere Erkrankte übertragen lassen.
1. Verzweifeltes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden.
Das ist wohl das, was meine Erkrankung im größten Teil ausgemacht hat. Die
Angst davor, verlassen zu werden, hat viele meiner Handlungen bestimmt. Die
Angst vor dem Alleinsein ging zuweilen so weit, dass sich bei mir das Gefühl
einstellte, ohne die andere Person nicht mehr weiter existieren zu können.
Während gesunde Menschen abstecken und den Unterschied zwischen realen und
fiktiven Ängsten unterscheiden können, konnte (und kann) ich das nicht. Verlassensängste
wurden für mich zu einer realen Bedrohung, die mich das Leben kosten könnten
und ich war bereit dazu, alles zu tun, um diese Gefahr zu eliminieren. Dabei
ist es egal, ob der Mensch tatsächlich gehen wollte, oder ob ich nur das Gefühl
hatte, es könnte demnächst passieren.
Noch heute komme ich nicht gut mit Trennungen (egal in welcher Form) zurecht.
Und die Verlassensangst bestimmt mich hin und wieder noch immer: in schlechten
Phasen frage ich meinen Mann mehrmals täglich, ob er auch wirklich bei mir
bleibt. Er hat sich mittlerweile daran gewöhnt und weiß, dass das nichts mit
ihm oder seinem Verhalten zu tun hat, sondern damit, dass ich versuche, für
mich selbst Sicherheit zu generieren.
Ich selbst dagegen habe beinahe permanent das Gefühl, dass mir diese positiven Dinge nur vorgespielt würden, weil ich selbst glaube, „komisch“ auf andere zu wirken. Das führt dazu, dass ich mich permanent hinterfrage und regelmäßig das Gefühl habe, etwas falsches zu sagen und so in der Achtung von anderen weit zu sinken. Das ist etwas, das ich noch gar nicht losgeworden bin, auch wenn ich inzwischen versuche zu akzeptieren, dass andere Menschen mich nicht grundsätzlich scheiße finden.
Das Selbstverletzende Verhalten hingegen nutzte ich zum Druckausgleich. Ich war lange Zeit nicht dazu in der Lage, Frustration oder negative Empfindungen zu kompensieren. Stattdessen brauchte ich einen anderen, heftigen Reiz, der mich kurzfristig ablenkte.
8. Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren (z.B. heftige Wutausbrüche, andauernde Wut, wiederholte körperliche Auseinandersetzungen)
Wut ist ein Gefühl, dass mich auch heute noch sehr oft einholt. Auch damit kann
ich mittlerweile angemessener umgehen, früher jedoch hatte ich sehr häufig
Wutausbrüche. In diesen habe ich niemals jemand anderem körperlich geschadet, oftmals
aber mir selbst.
Manchmal habe ich noch kleinere Wutausbrüche. Für meinen Mann ist das dann schwer
nachzuvollziehen, weil ich hin und wieder wegen Kleinigkeiten wütend werde, die
für andere Menschen kaum der Rede wert sind.
Ich selbst tue mich schwer damit, näher auf diesen Punkt einzugehen, weil ich dazu eine andere Meinung habe, bzw. ihn zumindest umbenennen würde.
Zusammengefasst:
Borderline ist eine äußert komplexe
psychische Erkrankung. Sie zu erklären ist – zumindest für mich – beinahe unmöglich.
In meinen Augen ist es absolut notwendig, eine Therapie zu machen, um mit den
Symptomen besser umgehen zu können. Das meiste verschwindet dadurch nicht, aber
ich habe dadurch gelernt, was ich dagegensetzen kann. Ich bin dem Ganzen nicht
mehr so hilflos ausgeliefert.