Emotionale Abhängigkeit / Trauma Bonding

Ich habe mich bis jetzt ein wenig davor gedrückt, diese Themen aufzufassen und näher darauf einzugehen. Denn wie kann man etwas erklären, was man selbst noch nicht versteht?

Ich lebte viele Jahre in einem Konstrukt aus eben dieser Abhängigkeit, und es ist nicht untertrieben, wenn ich sage, dass das mit Abstand meine schlimmste Sucht (gewesen) ist.

Doch was ist das überhaupt?
Verglichen mit einer stoffgebundenen Sucht, wie beispielsweise dem Alkoholismus, konnte ich im Laufe meiner Erkrankungsphasen nur wenige Unterschiede ausmachen. Ich versuche im Folgenden, das genauer zu erklären:

Mit 15 Jahren lernte ich einen Mann kennen, der mich durch eine emotional schwierige Phase begleitet hat. Damals trennte mein Freund sich von mir, und statt Geborgenheit und Unterstützung innerhalb meiner Familie zu finden, stieß ich auf Widerstand. Schließlich hielt besagte Beziehung nicht lang und ich ruinierte zudem die Geburtstagsfeier meines Vaters (was kann ich dafür, wenn der Kerl mich genau an dem Tag abserviert?).
Nun gut, der eben erwähnte Mann – Alexander – war für mich da und stand mir bei.

Von da an geschah im Prinzip das, was bei der Entwicklung einer emotionalen Abhängigkeit von entscheidender Bedeutung ist: ich geriet in einen Kreis aus Verzweiflung, weil mein Umfeld mich nicht verstand, verschaffte mir durch die Gespräche mit Alexander eine Linderung meines Schmerzes und hatte das Gefühl, dass nur er wirklich an meinem Wohl interessiert sein konnte.
Das wiederum hatte zur Folge, dass ich nach und nach mein restliches Umfeld vernachlässigte, um den Kontakt zu Alexander aufrecht zu erhalten. So begann ich, Einladungen von Freunden auszuschlagen, weil ich lieber mit Alexander chatten wollte.
Parallel dazu verstand meine Familie nicht, weshalb ich nun viel mehr Zeit in meinem Zimmer und am Laptop verbrachte, anstatt mit meinen Eltern im Wohnzimmer zu sitzen. Die Beschwerden über mein Verhalten häuften sich.
Mit diesen negativen Gefühlen ging ich dann wieder zu Alexander.
Das Gefühl, von meinem Umfeld nicht verstanden – ja, teils sogar abgelehnt – zu werden, verstärkte sich mit jedem neuen Tag. Der perfekte Teufelskreis war geboren.

Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass ich bereits vor dem Kontakt zu Alexander immer wieder mit dem Gefühl, nicht verstanden zu werden, zu kämpfen hatte. Ich spürte in mir eine Einsamkeit, die niemand auf der Welt je füllen konnte.
Als Alexander dann da war, und mir endlich zu verstehen gab, dass ich nicht allein bin, war das der gelungene Einstieg für mich, mich emotional stark an ihn zu binden.
Das war Schritt eins.

 

Schritt zwei ist nach außen hin vielleicht weniger gut nachzuvollziehen.
Ich war also in einer Spirale gefangen, in der Alexander der Mittelpunkt meiner Gedanken und meines Handelns war. Soziale Kontakte hatte ich zu diesem Zeitpunkt kaum noch. Ich brauchte auch keine, denn Alexander hat mir vollends „gereicht“.
Doch es gab einen Moment, der alles veränderte, und in dem ich von einer krankhaften Bindung in eine „richtige“ Abhängigkeit gerutscht bin – Achtung, hier wird es jetzt paradox.
Alexander begann, mich von sich wegzustoßen.

Hier kommen wir dann auch langsam in den Bereich des Trauma-Bondings.
Der Teufelskreis, in dem ich mich befand, erweiterte sich von nun an um eine Stufe: ich musste mehr Bemühungen in den Fortbestand unserer „Freundschaft“ stecken.
Es war nun nicht mehr so, dass Alexander uneingeschränkt für mich da war und mir das Gefühl gab, er würde mein Verbündeter in dieser verrückten Welt sein. Stattdessen zog er sich mehr und mehr zurück und stieß mich mit aller Macht (und vielen bösen Worten) von mir weg.

Möglicherweise erkennt man hier auch den Unterschied zwischen gesunden und erkrankten Menschen: während viele diesen Schritt nach einer Weile akzeptiert hätten und der Schmerz darüber hätte heilen können, löste sein Verhalten in mir das genaue Gegenteil aus:  den unbedingten Willen, ihn zu mir zurückzuholen.
Ich konnte nicht den einzigen Menschen auf der Welt verlieren, der mich verstand. Den einzigen Menschen, der für mich da war, und den einzigen Menschen auf der Welt, an dem mir noch etwas lag.

Ich habe den schrittweisen Verfall meiner eigenen Persönlichkeit damals nicht mitbekommen, und wenn ich von meinem Umfeld darauf angesprochen worden bin, ordnete ich ihre Sorgen automatisch in die Kategorie „böse“ ein. Für mich war es keine Besorgnis, die meine Mutter äußerte, wenn sie mich fragte, weshalb Alexander mich so oft besuchen kam. Dasselbe galt für meine restliche Familie, die sich zunehmend in meine Angelegenheiten „einmischten“.
Während dieser Zeit geschah noch etwas anderes: mein Umfeld war nicht nur verständnislos, sondern auch „der Feind.“

So war es für mich, als Alexander versuchte, mich auf Abstand zu halten, der einzig logische Schluss, dass meine Familie etwas damit zu tun hatte. Das ist nicht einmal falsch, denn an diesem Schritt waren auch meine Eltern damals beteiligt gewesen.
Dennoch konnte ich auch die anderen Zeichen nicht erkennen. Ich war nicht in der Lage, mir einzugestehen, dass schon weit vorher deutlich wurde, dass Alexander möglicherweise lediglich einen Ausweg suchte, aus der Situation zu entkommen.
Die Reaktion meines Umfeldes gab ihm schließlich die optimale Gelegenheit.

Es folgte ein in toxischen (ungesunden, vergifteten) Beziehungen sehr häufig vorkommendes Phänomen: Alexander und ich begannen, metaphorisch miteinander zu tanzen. Er stieß mich von sich weg, ich verstärkte meine Bemühungen um ihn.
Bis dahin ist es schmerzhaft, zuweilen unerträglich. Doch das, was mich wirklich in den Wahnsinn trieb, war Folgendes: immer mal wieder ließ er mich emotional an sich heran. In unregelmäßigen Abständen verschwand die Mauer aus Wut und Hass, und machte einem viel schönerem Gefühl Platz: Geborgenheit.
Er war dann wieder „der Alexander von früher“, und ich genoss es. Jedes Mal hatte ich die Hoffnung, er würde so bleiben.
Das Hoffen war vergebens, denn ebenso schnell, wie er wieder „der alte“ wurde, wechselte sein Verhalten erneut.
Dieses Schema hielten wir über Jahre hinweg aufrecht.

Ich war nun also gefangen in einer Welt, in der ich von Alexanders Emotionen ebenso abhängig war wie von dem Gedanken, ich müsse mich nur genug anstrengen, um ihn auf mich aufmerksam zu machen.

 

Also, Willkommen bei Schritt drei.
Mit dieser permanenten Belastung zu leben, ist sehr schwer.
Da ich bereits während der ersten Phase unseres Kontaktes weitgehend den Kontakt und das Vertrauen in mein gesamtes Umfeld verlor, hatte ich auch anschließend, als ich versuchen musste, wieder in ein „normales“ Leben zurückzufinden, keinen Ansprechpartner.
Ich war, auch wenn ich nun wieder die Einladungen von Freunden annahm, einsamer als jemals zuvor.
Natürlich gab es Momente, in denen ich versucht habe, meinen Freunden zu erklären, was mit mir los ist, und weshalb Alexander mein gesamtes Denken so bestimmt. Aber das Verständnis für die Krankheit, deren Namen ich auch nur durch Alexander kennengelernt habe, war nicht vorhanden.
Das hatte nichts damit zu tun, dass sie es nicht verstehen wollten. Aber „es“ ist so schwer zu erklären.
Nummer eins der Fragen war stets, weshalb ich den Kontakt nicht einfach abbreche. Es würde zwar zunächst wehtun, doch dann könnte ich wenigstens heilen.

Tatsächlich habe ich im Laufe der Jahre immer mal wieder versucht, den Kontakt zu Alexander abzubrechen, musste aber jedes Mal feststellen, dass es für mich nicht möglich ist.
Alkoholiker kommen, wenn sie nicht mehr trinken, in einen Entzug.
Und auch emotional abhängige Menschen erleben das.
Abseits der psychischen Schmerzen, die ich empfand, litt ich auch unter klassischen Entzugserscheinungen: mir war übel, ich konnte nicht mehr schlafen, ich hatte Kopfschmerzen und zitterte.
Ob das jetzt wirklich vom Körper gesendete Signale sind, oder die Seele diese hervorruft, ist zunächst nicht relevant, denn die Symptome sind deutlich zu spüren (das geht übrigens nicht nur mir so).

Und während es mir körperlich schon nicht gut ging, erledigte mein Kopf den Rest: für mich war klar, dass ich ein Leben ohne Alexander nicht würde führen können. Für mich war die Todesangst, die ich empfand, äußerst real.
In mir drin war ich mir absolut sicher, dass ich sterben würde, wenn ich den Kontakt endgültig abbräche.
Mein Leben war nach wie vor komplett auf Alexander aufgebaut. Alles, was ich tat, tat ich für oder wegen ihm.
Ich lebte nur noch, um Alexander von den wesentlichen Dingen zu erzählen, die mir wiederfuhren (wir schrieben noch ein Mal pro Woche). Ich traf mich mit Freunden, um ihm zu zeigen, dass ich mir wieder ein Leben aufbaute – schließlich hatte er mich darum gebeten.
Ich schrieb Gedichte und Briefe an ihn, die ich ihm mal zeigte, und mal nicht – doch immer in der Hoffnung, es würde etwas mit ihm machen.
Ich schlief mit Männern, nur, um ihm davon erzählen zu können – vielleicht bekäme ich ja so seine Aufmerksamkeit.
Ich trank Alkohol, nahm Drogen. Um den Schmerz zu vergessen, und auch, um ihn aufzuzeigen.

Schritt vier.  
Der Konsum von bewusstseinsverändernden Mitteln.
Viele Menschen, die in einer emotionalen Abhängigkeit gefangen sind, entwickeln im Laufe ihrer Krankheit eine weitere Sucht. Bei mir waren es Alkohol und Drogen, im späteren Verlauf Medikamente.
Zum einem half es mir, mit dem Schmerz, den ich empfand, fertig zu werden. Zum anderen war es für mich ein Zeichen. Ein: „seht alle her, was in mir vorgeht!“
Niemand hat meine Abhängigkeit zu einem anderen Menschen verstanden, und irgendwann sprach ich auch nicht mehr darüber.
Ich testete die Grenzen. Alkohol und Drogen, das sind Dinge, mit denen Leute eher etwas anfangen können.
Im Prinzip war vieles, was ich tat - insbesondere meine rebellischen Protestversuche (ich schnitt mir ins Gesicht, gab in der Schule Klausuren leer ab usw.) - lediglich ein Schrei nach Hilfe.
Den natürlich ebenfalls niemand verstand.

 

Ich war die perfekte Abhängige.
Und Alexander in vielerlei Hinsicht der perfekte Täter.
Wir ergänzten uns perfekt und unseren „Tanz“ beherrschten wir irgendwann blind. So unvorhersehbar alles war, lag es gleichzeitig doch deutlich vor uns.
Ich bin nicht die einzige, der so etwas passiert oder passiert ist.
Ich kann es nach all den Jahren noch immer nicht wirklich erklären.
Im Internet findet man für das Thema Trauma-Bonding folgende Definition für den abhängig machenden Part der Beziehung (also für den „Täter“):

1.       Einfordern von Unterwerfung

2.       Kontrolle, Zwang und Manipulation

3.       Schüren von Selbstzweifeln

4.       Unterdrückung der Autonomie

5.       Aufrechterhaltung von Konflikten

6.       Isolation des Opfers

7.       Strategische Gefühlsbekundungen

8.       Ausnutzen von Schwachstellen

Das alles läuft vor den Augen außenstehender unsichtbar ab.
Oft wissen die Opfer selbst nicht, was mit ihnen geschieht – und wenn sie es dann merken, ist es bereits zu spät und sie sind gefangen in einer nicht enden wollenden Spirale.

 

Mir ist all das widerfahren. Ich habe eine Abhängigkeit und das Trauma Bonding erlebt und überlebt.
Ich war an vielen Stellen meines Weges allein mit dem Kampf gegen diese Erkrankung(en).
Und von allen Dingen, die mir im Leben passiert sind, von allen Krankheiten und Süchten, die ich habe, ist dies meine schlimmste. Gleichzeitig ist es nach wie vor die, die ich selbst am wenigsten greifen oder erklären kann.

Es ist vier Jahre her, dass ich den Kontakt zu Alexander so weit es mir möglich war beendet habe. Trotzdem spüre ich die Nachwirkungen dieser Zeit und der Krankheit nach wie vor.
Wie bei einem „regulären“ Trauma leide ich unter Flashbacks. Ich träume noch immer regelmäßig von der Zeit der akuten Erkrankung.
Mittlerweile habe ich ein Leben, ein gutes sogar, abseits von Alexander. Und trotzdem ist er immer noch irgendwie „da“.
Das ist der Schatten der Krankheit: er geht nie komplett weg.
Auch meine Mutter hat eine langjährige Trauma Bonding Beziehung hinter sich; auch sie ist noch immer nicht von deren Schatten befreit (obwohl ihre akute Zeit bereits über 10 Jahre her ist).
Es hört nicht auf, auch wenn es besser wird und man lernen kann, mit dem Schatten zu leben – trotzdem glücklich und frei zu sein.

Emotionale Abhängigkeit hat viele Gesichter.
Doch die meisten Menschen wissen nichts über deren Existenz.
Das ist es, was ich ändern möchte.
Meine 2024 erscheinende Biographie thematisiert die Erkrankung und beleuchtet sie von jeder erdenklichen Seite.
Wieso ich das tue und mich diesem Schmerz erneut stelle?
Weil ich mich für Menschen einsetzen will, denen ähnliches wiederfährt. Ich möchte die Aufmerksamkeit auf das Thema lenken, die sie braucht.
Ich will das Schweigen über diese Krankheit beenden und ich will, dass andere Menschen sich nicht so einsam fühlen müssen, wie ich es über Jahre hinweg tat.
Dafür stehe ich, und dafür werde ich kämpfen.